Über spar- und kürzungswütige Austerianer, die das Leben von Millionen ruiniert haben, und sich wie Finanzminister Schäuble an alles klammern, um ihre Reputation wiederherzustellen – sei es noch so unverfroren. US-Ökonom Paul Krugmans Blog in der NY-Times.[i]

Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Csoka, Ökonomin aus Linz

Es war vorhersehbar, dass Europas „Austerianer“ beim ersten Anzeichen eines Aufschwungs die Wiederherstellung ihrer Ehre einfordern. Doch Wolfgang Schäubles Beitrag in der FT, in dem er volle Rehabilitation fordert, weil Europa ein Quartal mit Wachstum hatte, ist ziemlich beeindruckend, sogar gegenüber den Erwartungen. Berücksichtigen Sie, dass die Arbeitsplatzfakten so aussehen:

Quelle: Krugman (Eurostat)

[Anm: die Graphik zeigt die Beschäftigungsentwicklung in der EU bzw. im Euroraum seit 2005 (Ausgangswert = 100). Bis zum 1. Quartal 2008 stieg die Beschäftigung etwa um 5 Prozent, im Zuge der Wirtschaftkrise 2009 gab es einen Rückgang. Nach einem leichten Anstieg bis Mitte 2011 ging die Beschäftigung bis zuletzt (2. Quartal 2013) wieder zurück]

Es braucht ziemlich viel Chuzpe – gibt es in Deutschland dieses Wort? –, zu behaupten, dies sei ein Beleg für die erfolgreiche Vorbereitung einer Strukturtransformation. Was ist mit all den zerstörten Existenzgrundlagen, und in manchen Fällen zerstörten Leben? Was ist mit den Millionen junger EuropäerInnen, die nach wie vor keine Hoffnung auf einen guten Arbeitsplatz haben?

Schäubles Behauptung, dass Europa dem Rezept von Schweden in den frühen 1990ern und Asien in den späten 1990igern folgte, ist eine fachliche Ausnahmeerscheinung. Diese Rezepte waren mit großen Währungsabwertungen verbunden, nicht mit der langsamen, zermalmenden „internen Abwertung“, die in Europas Peripherie stattfindet. Und wie ich mehrmals betont habe, sind die asiatischen Ökonomien rasch wieder auf die Beine gekommen – nicht mit so einer scheinbar endlosen Depression:

Quelle: Krugman (Total Economy Database, IMF)

[Die Graphik zeigt die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) beginnend mit dem Höchststand vor Einsetzen der Krise (Ausgangswert = 100)]

Was wir zu begreifen haben, ist aber, dass es zurzeit nicht einfach nur um ideologische Fragen geht: Egos und Karrieren stehen am Spiel. Die Belege zeigen, dass Europas Austerianer etwas Schreckliches gemacht haben, sie haben das Leben von Millionen ruiniert. Sie werden es nie zugeben und sich an alles klammern, was ihnen eine Ausrede liefert.

Glossar:

Austerianer: befürworten radikale Spar- und Kürzungsmaßnahmen, die auch als Austeritätspolitik bezeichnet werden

Chuzpe: bedeutet laut Duden Unverfrorenheit, Dreistigkeit, Unverschämtheit

Depression: anhaltende Wirtschaftsschwäche

Interne Abwertung: „Anpassung“ der Löhne und Preise nach unten

FT: Financial Times

Wolfgang Schäuble: deutscher Finanzminister


[i] Original: „They Have Made A Desert, And Called It Reform“, 17. September 2013, http://krugman.blogs.nytimes.com/2013/09/17/they-have-made-a-desert-and-called-it-reform/?_r=2

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